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"Lobaubesetzung"
und Hainburg
Im November/Dezember 2006 ging sieben Wochen lang in der Lobau die sogenannte
"Mahnwache in der AU" über die Bühne und sorgte
für einiges Aufsehen. Es handelte sich um eine Aktion deren komplexes
Konzept nicht selten durch Personen, deren Vorstellungen sich eher an
einfacheren Ablaufschemata orientierten, mißverstanden wurde.
Auch wurde der Vergleich mit Hainburg 1984 gezogen - der allerdings
nur vordergründig nahelag. Eine Analyse eines in beiden Fällen
Beteiligten weiter unten:
Worum
ging es in der Lobau
Vordergründig bildeten geplante Probebohrungen in der Lobau den
Anlass, am Rande der Au ein Mahnwachecamp einzurichten. Dabei sollte
gereade in einer Zeit des absehbaren Regierungswechsel das Projekt der
Lobauautobahn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden
und - noch viel wichtiger - die eminente Bedeutung des Verkehrssektors
für die Entwicklung von Gesamtenergieverbrauch und Emissionen dargestellt
werden. Gleichzeitig sorgte ein im "Interregnum" selbstbewusst
gewordener (und mittlwerweile gerade frisch "geschasster")
ASFINAG-Vorstand dafür, dass die Finanzprobleme in die die Gesellschaft
durch die grenzenlose Autobahngier der Politik auf Kosten der Allgemeinheit
hineinmanövriert wurde, aufs Tapet kamen. Im Umfeld der Mahnwache
kam es dann auch zu Aktionen um die Bohrgeräte. Nun haben offenbar
einige erwartet, dass Bohrgeräte bis zum Letzten verteidigt werden
wie anderswo von der Rodung bedrohte Bäume. Letztendlich wurden
die Probebohrungen auch durchgeführt (ob das was dabei herausgekommen
ist, der ASFINAG viel Freude bereiten wird, bleibt abzuwarten). Die
Aktion kurz zusammengefasst: Es engagierten sich viele junge neue Leute,
es gab ein breites Medienecho (vom Tenor her mischten sich Licht und
Schatten) und es gelang auch punktuell die Message rüberzubringen
(auch wenn MedienvertreterInnnen vor allem Stimmungsberichte nachfragten
á la "wars kalt in der Nacht, habt ihr auch genug zu essen,
wie war der Stuhlgang?" o.ä.) . Mittlerweile gibt es auch
den UN-Klimabericht und mehrfach Aussagen von Regierungsmitgliedern,
dass zur Erreichung der Klimaschutzziele Maßnahmen auch im Verkehrsbereich
erforderlich sind. Mittlerweile unvorstellbar, aber noch 2006 war das
alles andere als selbstversändlichkeit und das ist auch ein bißchen
ein Erfolg der Lobau-Aktion. Das Projekt Lobauautobahn ist um drei Jahre
verschoben, der im Jänner begonnene Runde Tisch zwar an der Totalverweigerung,
Arbeitsunwilligkeit und Angst vor neuen Erkenntnissen bei den Ländern
Wien und Niederösterreich gescheitert aber dennoch in manchen Details
sehr aufschlussreich verlaufen, die Auseinandersetzung um Klimapolitik
ziemlich zugespitzt und für eine weitere Bekämpung der Lobauautobahn
bleibt viel Zeit. Ein Alternativszenario, bei dem sich UmweltaktivistInnen
unter (nahezu) Ausschluss der Öffentlichkeit auf Probebohrarbeiten
konzentrieren, und durch ihre Präsenz bestenfalls eine Verschiebung
um ein Jahr bewirken nach dessen Ablauf dann alles wieder von vorne
beginnt wäre wohl eher als Pyrrhussieg denn als Wunschszenario
zu werten gewesen.
Ein
Vergleich mit Hainburg
In meiner bisherigen "Karriere" habe ich wohl schon mindestens
30 Gelegenheiten entdeckt, wo irgendwer ein "Zweites Hainburg"
beschwören wollte - regelmäßig klafften Anspruch und
Wirklichkeit weit auseinander. Die Lobau-Aktion konnte, sollte und wollte
kein zweites Hainburg sein. Sie warb mit dem "ersten Camp in den
Donauauen seit mehr als 20 Jahren" und hatte allein von der geographischen
Verortung "Au-Feeling" zu bieten. Aber damit hat es sich auch
schon. Von der Größe her weniger mit Hainburg als eher noch
mit Lambach oder Fisching zu vergleichen bzw. auch in etwa mit den Aktionen
an Pyhrn und Ostautobahn oder im Ennstal in den 1980er bzw. 90er Jahren.
Ein Vergleich mit Hainburg ist schon deshalb unzutreffend, weil diese
Aktion am Ende einer 2 Jahre laufenden massiven Kampagne stand, die
Lobau-Aktion eher als "Kaltstart" am Anfang einer solchen
einzuordnen wäre. 1984 ging es um einen bereits enorm zugespitzten
Konflikt, um ein formell genehmigtes Projekt, dessen Baubginn mit großflächigen
Rodungen unmittelbar bevorstand, 2006 bildeten Vorarbeiten in Gestalt
von Probebohrungen den Anlaß, neben allgemeinen Verkehrs-und Klimapolitischen
Fehlleistungen ein Vorhaben zu thematisieren, das noch weit von seiner
Einreichbarkeit entfernt war und ist. In diesem Sinne ist die Mahnwache
in der Lobau bezogen auf die Hainburg-Dramaturgie eher mit den "Vorgeplänkeln"
vergleichbar, die 1983/84 im Reichraminger Hintergebirge, bei der Simmeringer
"Gemüseautobahn", und am Simmeringer Sauhaufen stattfanden
(das Wort Vorgeplänkel soll keinesfalls verharmlosend wirken- die
damalige Vorgangsweise von Exekutive und Holzfällertrupps war äußerst
brutal). Und noch ein Aspekt sei in Erinnerung gerufen: Die heiße
Phase von Hainburg 1984 dauerte gerade einmal 11 Tage (10.12.1984 versuchter
Rodungsbeginn- 21.12.1984 Verkündung eines "Weihnachtsfriedens"
durch Kanzler Sinowatz). Innerhalb der ersten drei Tage gab es drei
Gendarmerieeinsätze. In der Lobau hingegen war deutlich mehr Geduld
und Ausdauer gefragt, sieben Wochen dauerte die Mahnwache und nach drei
Wochen ließen sich die ersten Bohrgeräte blicken, während
sich die Exekutive überhaupt zurückhielt. Auch in Hainburg
waren am 10.12.1984 nicht tausende sondern bloß ein paar hundert,
eine Zahl die im Laufe des Tages abnahm, so dass den ab ca. 14:00 vorrückenden
Gendarmerieeinheiten nur zahlenmäßig deutlich geschwächte
Aubesetzer gegenüberstanden. Die Zahl stieg am folgenden Tag wieder
auf deutlich über tausend an, aber angenommen dort hätte mehrere
Wochen gewartet werden müssen, dass etwas passiert, wäre ein
Routinebetrieb auf niedrigerem Niveau die logische Konsequenz gewesen.
W.
Rehm 28.10.2007
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